Komplexität in Geschäftslogik

Ein Vergleich der Patterns Table Module (DataSets,..), Transaction Scripts und Domain Model

Abseits meiner Beiträge zum Thema Domain Driven Design möchte ich hier die drei Ansätze zur Handhabung von Komplexität in Geschäftslogik aus Martin Fowler’s Buch “Patterns of Enterprise Application Architecture” vergleichen. Alle drei stellen Wege dar, eine Domäne zu modellieren, wenn auch die beiden ersten Ansätze stark zu prozeduraler Programmierung tendieren:

Fowler hat zum Vergleich eine ähnliche Grafik wie die folgende verwendet.

Complexity-Comparison In der Grafik ist Komplexität gegenüber Aufwand gestellt. Die rote Linie steht für das Table Module Pattern, die blaue Linie steht für Transaction Scripts und die grüne Linie steht für das Domain Model Pattern. Die Idee der Grafik ist es zu zeigen, wie die drei Ansätze mit erhöhter Komplexität skalieren. Dabei kommt es nicht so sehr auf den exakten Verlauf an. Wichtiger ist es zu sehen, dass die Grafik recht gut dem gefühlten “Aufwand” entspricht, bei der Arbeit mit den Ansätzen: der Aufwand bei Transactions Scripts und Table Module (in .NET also DataSets) steigt rasant und macht zunehmende Komplexität kaum noch handhabbar. Aber auch das Domain Model Pattern lässt sich nicht unendlich lange nutzen, ohne ans eine Grenzen zu stoßen. Trotzdem liegt diese Grenze bedeutend höher, was das Pattern so attraktiv für komplexe Domänen macht. Zu große Komplexität kann durch Zerteilen der Domäne in verschiedene Modelle begegnet werden. Diese müssen dann aber genau abgegrenzt und integriert werden müssen – andernfalls wird man weniger Nutzen davon haben. Die passenden Stichwörter wären hier Bounded Context, Context Map und Core Domain [/End buzzword dropping].

Image is subject to create commons license. Created By: http://www.flickr.com/photos/esfema/ Die Große Frage am Vergleich der 3 Ansätze ist natürlich: Wo liegen die Grenzen auf der Achse der Komplexität? Dazu müssten wir aber zunächst einmal Komplexität messen – dies können wir aber kaum. Pragmatisch gesehen muss hier die Erfahrung des Teams herhalten. Praktisch gesehen lohnt sich ein Domain Model sicherlich nicht für eine reine CRUD-Anwendung mit nur sehr simpler Validierung. Trotzdem greift wohl auch diese Einordnung zu kurz. Niemand kann schließlich genau vorhersagen, wie sich das Geschäft des Kunden weiterentwickelt oder ob aus einer kleinen Anwendung nicht plötzlich eine große wird – dafür scheinen zu viele “Prototypen” bisher immer noch am Leben. Es besteht somit die Gefahr eine Entscheidung zu früh zu treffen, obwohl man die Notwendigkeit für das Domain Model Pattern erst später begründen können wird. Es besteht aber auch die Gefahr, sich mit der Wahl von Transaction Scripts oder Table Modul die Möglichkeit zu verbauen, jemals zu einem reichhaltigen Domänenmodell zu gelangen. Denn laut Fowler ist genau dieser Übergang extrem aufwending und teuer – obwohl die Alternative (kein Redesign) keine wirkliche Alternative ist. Interessant wäre wohl zu experimentieren, ob ein Redesign vom Domain Model Pattern hin zu Transaction Scripts gut funktioniert. Mein Tipp wäre, dass sich dies wohl leichter realisieren lässt, als der Weg anders herum; schließlich sehen wir heute viele Prozedurale Implementierungen mit einem anemischen Domänenmodell.

Klar ist, dass das Table Module Pattern gerade wegen seiner breiten Werkzeug-Unterstützung im .NET Bereich eine sehr geringe Hürde für den Einstieg hat. Table Module und Transactions Scripts zerlegen die Domäne in ein prozedurales Modell und bestechen durch ihre Einfachheit - für einfache Kontexte! Leider ist dieser Umstand bisher wenig bis gar nicht kommuniziert worden. Offensichtlich ist aber die Idee des simplen Drag&Drop / RAD / … für die meisten gescheitert. Beim Table Module Pattern gibt es in der Regel ein Objekt, dass die Logik und Kommunikation für eine Datenbank-Tabelle übernimmt. Transaction Scripts manifestieren sich in der Regel in einem “dicken” Application / Service Layer (Fowler). Für jede Transaktion haben wir dann eine Service-Operation. Hiermit sollte dann auch klar sein, warum beide Ansätze Probleme mit duplizierter Logik, Copy&Paste-Smells und vor allem Seperation of Concerns haben. Beim Einsatz eines Domain Models ist die Service Schicht hingegen sehr dünn. Sie koordiniert nur verschiedene Aktionen auf dem Domänenmodell. Vor allem aber eignet sich die Service Schicht zur Beschreibung der Session- und Transaction-Scopes zur Datenbank-Verbindung (mehr dazu später in der DDD Serie).

Image is subject to create commons license. Created By: http://www.flickr.com/photos/ppdigital/Transaction Scripts und Table Module haben sicherlich geringere Anforderungen an die Erfahrung und das Abstraktionsvermögen eines Entwicklers. Domänenmodelle bieten dafür weitaus mehr Modularisierung und können so auch zu mehr Wiederverwendung führen. Je komplexer ein Modell wird, umso mehr scheint der Vorteil gegeben über Transaction Scripts und Table Module zu wiegen. Sicheres Einsatzgebiet sind somit auf jeden Fall jene Domänen, bei denen von Anfang an klar ist, dass die Komplexität jenseits von einfacherer Validierung (zB isolierte Validierung pro Feld) und CRUD liegt.

Am Schluss möchte ich noch zu Bedenken geben, dass vollständige Modularisierung mit OOP nicht möglich ist (siehe “Tyranny of the dominant decomposition”). Egal nach welchen Kriterien die Dekomposition der Anwendung von statten geht – es wird immer orthogonale, übergreifende Belange geben. Nach derzeitigem Stand der Forschung erreichen wir damit noch bessere Modularisierung nur durch den Einsatz von Aspekt-Orientierung. Meines Wissens ist aber weiterhin unklar, ob wir damit den “heiligen Gral” der Modularisierung erreichen. Vielleicht ist es am Ende auch egal und nur eine Frage des nötigen Pragmatismus.

1 Comment:

  1. Stefan Lieser said...
    Hallo Sebastian,

    glücklicherweise haben wir bei neueren Projekten sofort den DDD Weg eingeschlagen. Auch wenn sich da aufgrund mangelnder Erfahrung anfangs einiges an technischem Kredit angehäuft hat würde ich diesen Weg sofort wieder gehen. Denn im Gegensatz zum DataSet Ansatz sind wir bei DDD in der Lage neue Erkenntnisse per Refactoring einzubringen.
    Von den DataSets dagegen kommen wir nicht weg ohne die Anwendung dramatisch umzubauen (was sich mangels Tests niemand traut).

    Ich teile deine Auffassung dass AOP die Modularisierung weiter voran bringt. Das Thema wird uns in Zukunft noch beschäftigen ;-)

    Herzliche Grüße,
    Stefan

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